Das Agri-Photovoltaik-Projekt Tützpatz in Mecklenburg-Vorpommern gilt als bundesweites Pilotprojekt für die gleichzeitige Nutzung von industrieller Solarstromerzeugung und landwirtschaftlicher Produktion – und das komplett ohne EEG-Subventionen. Ein Jahr nach der feierlichen Eröffnung im September 2025 liefert die Anlage bereits ihre volle Nennleistung von 76 Megawatt, während die landwirtschaftliche Nutzung auf den 93 Hektar Fläche noch nicht planmäßig umgesetzt ist. Die vorliegenden Fakten zeigen, welche betrieblichen, technischen und regulatorischen Hürden die Doppelnutzung derzeit hemmen.
Projektüberblick: Größe, Leistung und Aufteilung
- Installierte Gesamtnennleistung: 76 MWp (2025, Quelle S1)
- Gesamtbetriebsfläche: 93 ha (2025, Quelle S1)
- Aufteilung in drei Teilabschnitte:
- Abschnitt 1 – 47,5 ha, vorgesehen für Hühnerhaltung (geplantes Ziel: bis zu 15 000 Legehennen)
- Abschnitt 2 + 3 – zusammen 45,5 ha mit einachsigen Nachführsystemen (Tracker) und einer Leistung von 32,7 MWp
- Installierte Module: ca. 146.000 bifaziale Solarmodule (2025, Quelle S1)
Wirtschaftliches Modell ohne EEG-Förderung
Die gesamte Anlage wurde bewusst ohne Fördermittel nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz errichtet. Die Finanzierung erfolgt über ein zehnjähriges Power Purchase Agreement (PPA) mit der Telekom-Tochter PASM. Das PPA deckt rechnerisch den Jahresstrombedarf von etwa 4.600 Mobilfunkstandorten (2025, Quelle S1) und garantiert damit einen stabilen Erlös für Vattenfall ab dem ersten Tag.
- PPA-Laufzeit: 10 Jahre (2025)
- Stromabnehmer: PASM (Deutsche Telekom AG)
- Keine EEG-Zuschläge, da das Projekt förderfrei konzipiert wurde
Durch dieses Modell ist die Stromproduktion bereits profitabel, unabhängig davon, ob die agrarische Komponente voll genutzt wird.
Technische Herausforderungen der Tracker-Systeme
Die einachsigen Nachführsysteme von Schletter ermöglichen eine Neigung von maximal ± 70 Grad. Für die Durchfahrt moderner Traktoren und Erntemaschinen ist jedoch ein nahezu senkrechter Winkel (nahe 90 Grad) erforderlich, damit die Modulkanten die Gasse nicht blockieren. Aktuell können die Tracker nicht bis zu den vorgesehenen Winkeln gekippt werden, was die landwirtschaftliche Nutzung der 45,5 ha Tracker-Fläche verhindert.
- Maximaler Neigungswinkel der Schletter-Tracker: ± 70 Grad (Konstruktionsbedingung)
- Erforderlicher Durchfahrtswinkel für Landmaschinen: nahezu 90 Grad
- Zusätzliche technische Hürde: Kabel wurden zunächst nicht tief genug verlegt – inzwischen behoben
Vattenfall prüft derzeit Möglichkeiten, den Bewegungsbereich der Tracker zu erweitern, wobei der Aufwand und die technische Machbarkeit noch unklar sind.
Normative Vorgaben nach DIN SPEC 91434
Für Agri-PV-Anlagen der Kategorie II (bodennahe/einachsige Tracker) gelten verbindliche Kennzahlen:
- Maximaler Flächenverlust: 15 % (2021, Quelle S2)
- Mindestertrag der Landwirtschaft: mindestens 66 % des Referenzertrags (2021, Quelle S2)
Die eingeschränkte Kippbarkeit der Tracker gefährdet die Einhaltung dieser Vorgaben, da ein größerer Flächenverlust und ein geringerer Ertrag als gefordert resultieren können.
Infrastruktur-Aufwand und Netzanbindung
Um die Spitzenleistung von 76 MW in das Stromnetz einzuspeisen, wurde im Nachbarort Breesen ein neues 110-kV-Umspannwerk errichtet. Zusätzlich ist ein Batteriespeicher geplant, um die Netzkapazitäten des Regionalversorgers E.DIS optimal zu nutzen.
- Spannungsebene Netzanschluss: 110 kV (2024, Quelle S3)
- Neubau eines Umspannwerks in Breesen für die Einspeisung in das E.DIS-Netz
- Projektierter Batteriespeicher zur Flexibilisierung der Einspeisung
Die elektrotechnische Erschließung im Megawatt-Maßstab ist damit gelungen; die agrarische Integration bleibt die eigentliche Sollbruchstelle.
Risiken für die Glaubwürdigkeit der Doppelnutzung
Die aktuelle Situation birgt zwei zentrale Gefahren, die die Akzeptanz von Groß-Agri-PV-Projekten gefährden können:
- Verlust der Doppelnutzungs-Glaubwürdigkeit: Wenn die landwirtschaftliche Nutzung ausbleibt oder nur als Alibi betrieben wird, droht ein Akzeptanzverlust bei Landwirtschaftsverbänden und Genehmigungsbehörden.
- Wirtschaftlicher Fehlanreiz: Der gesicherte Stromverkauf über das PPA reduziert den finanziellen Druck, in kostenintensive agrartechnische Anpassungen zu investieren.
FAQ – häufige Fragen zur Agri-PV-Anlage Tützpatz
Warum ist der Neigungswinkel der Tracker für Traktoren so entscheidend?Für die Durchfahrt moderner Landmaschinen mit üblichen Arbeitsbreiten müssen Trackermodule bei bodennahen Systemen temporär fast senkrecht (nahe 90 Grad) arretiert werden. Bei nur maximal ± 70 Grad ragt die Modulkante zu weit in die Gasse, wodurch Kollisionsgefahr mit Gestänge, Spiegeln oder Erntewerkzeugen entsteht.Welche Standards definieren, was als Agri-PV gilt?Maßgeblich ist die DIN SPEC 91434 (sowie für Tierhaltung die DIN SPEC 91492). Sie fordert ein integriertes landwirtschaftliches Bewirtschaftungskonzept, begrenzt den Flächenverlust auf 10-15 % und schreibt vor, dass mindestens 66 % des landwirtschaftlichen Referenzertrags erwirtschaftet werden müssen.Verliert Vattenfall EEG-Vergütungen durch die Verzögerung?Nein. Der Solarpark Tützpatz wurde bewusst förderfrei ohne EEG-Zuschläge konzipiert. Der gesamte Strom wird über einen langfristigen PPA-Vertrag an die Telekom-Tochter PASM vermarktet, weshalb keine EEG-Sanktionen der Bundesnetzagentur greifen.
Fazit
Das Agri-PV-Projekt Tützpatz demonstriert, dass die reine Stromerzeugung im Megawatt-Bereich technisch und wirtschaftlich gut realisierbar ist – dank eines eigens errichteten 110-kV-Umspannwerks und eines zehnjährigen PPA, das den gesamten Strombedarf von rund 4.600 Mobilfunkstandorten deckt. Gleichzeitig zeigt das Projekt, dass die Doppelnutzung von Solarflächen und landwirtschaftlicher Produktion erhebliche Hürden birgt. Konstruktionsbedingte Neigungsgrenzen der Schletter-Tracker verhindern die notwendige Durchfahrt von Landmaschinen, während die DIN SPEC 91434 klare Vorgaben zu Flächenverlust und Ertragsanteil stellt, die aktuell gefährdet sind. Ohne eine Lösung für die Tracker-Problematik und eine konsequente Umsetzung der landwirtschaftlichen Nutzung droht die Glaubwürdigkeit des Agri-PV-Modells, was langfristig die Akzeptanz bei Landwirten und Genehmigungsbehörden beeinträchtigen könnte. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Vattenfall und die Projektpartner technische Anpassungen und partnerschaftliche Lösungen finden, um die Doppelnutzung von Tützpatz tatsächlich zu einem Vorbild für zukünftige Großprojekte zu machen.

