Im Spätsommer 2026 verschärfen geopolitische Konflikte im Persischen Golf, rekordartige Hitzewellen und kritische Wasserstände die Versorgungslage auf den europäischen Energie-Märkten. Steigende Großhandelspreise für Erdgas und Steinkohle wirken sich unmittelbar über das Merit-Order-Prinzip auf die Strompreise aus, während historisch niedrige Gasspeicherstände die Resilienz gegenüber bevorstehenden Winterkältewellen stark reduzieren.
Geopolitische Spannungen und ihre Auswirkungen auf die Gasversorgung
Die anhaltenden Konflikte in der Straße von Hormus haben im August zu Unterbrechungen der LNG-Schifffahrt geführt. Laut dem monatlichen Energiemarkt-Update von Axpo erreichten die TTF-Spotpreise im August einen Monatsdurchschnitt von 61,50 EUR/MWh und Spitzen über 70 EUR/MWh, ausgelöst durch Schiffs- und Lieferausfälle. Gleichzeitig bleibt die Verfügbarkeit von LNG-Tankern eingeschränkt, und Katar kann kaum Lieferungen sicherstellen. Diese Situation erhöht das Risiko von weiteren Lieferunterbrechungen, insbesondere wenn die USA und der Iran keine Einigung über die Durchfahrt erzielen.
EU-Gasspeichervorgaben und aktuelle Speicherstände
Die EU-Gasspeicher-Verordnung (EU) 2022/1032 legt ein verbindliches Füllziel von 90 % zum 1. November fest. Bei außergewöhnlichen Marktstörungen erlauben die novellierten Regelungen Abweichungen von 10-15 Prozentpunkten. Trotzdem zeigen die aggregierten Daten von AGSI+ (Stand 1. September 2026), dass die europäischen Gasspeicher nur noch 65,39 % gefüllt waren – der tiefste Stand seit 15 Jahren. Selbst mit den erlaubten Flexibilitätskorridoren liegt der aktuelle Stand deutlich unter dem regulären Ziel und signalisiert eine erhebliche Speicherlücke.
Relevanz des Speicherziels für die Winterresilienz
- Reguläres Ziel: 90 % bis 1. November (Quelle S3)
- Aktueller Stand: 65,39 % (Quelle S1)
- Erwarteter Winterbeginn bei 70-73 % – deutlich unter dem Ziel
- Risiko: Eingeschränkte tägliche Ausspeiseleistung bei Kälteeinbrüchen
Niedrigwasser am Mittelrhein: Der Flaschenhals Kaub
Der Pegel Kaub (Rheinkilometer 546) definiert die maximale Abladetiefe für Binnenschiffe. Im Spätsommer fielen die Pegelstände zeitweise auf 20 cm, weit unter dem Referenzwert von 150 cm für eine uneingeschränkte Beladung. Unterhalb von 40 cm können Standard-Kohlekähne nur noch 20-25 % ihrer Normalladung transportieren. Diese Reduktion führt zu hohen Kleinwasserzuschlägen und zwingt Kraftwerksbetreiber, auf teurere Logistik per Schiene oder Straße auszuweichen.
Logistische Konsequenzen für die Kohleverstromung
- Referenz-Pegelstand für Vollladung: 150 cm (2026)
- Aktueller Pegel: 20 cm (Quelle S2)
- Auslastungsgrad bei extremem Niedrigwasser: 20-25 %
- Resultat: Erhöhte Transportkosten, eingeschränkte Brennstoffversorgung
Thermische Einleitgrenzen und Notfall-Drosselungen bei Kernkraftwerken
Um aquatische Ökosysteme zu schützen, schreiben Umweltgesetze in Frankreich und an der Donau Obergrenzen für Flusswassertemperaturen vor (z. B. 28 °C an der Garonne und Rhône). Im Sommer 2026 mussten in Frankreich 13 Reaktoren temporär drosseln oder abschalten. An der Donau erreichte die Wassertemperatur am ungarischen Kernkraftwerk Paks einen Spitzenwert von 30,22 °C, was ebenfalls zu Leistungsreduktionen führte.
Einfluss auf den Strommarkt
- Hitzebedingt gedrosselte Reaktoren in Frankreich: 13 (2026)
- Donau-Temperaturspitze bei Paks: 30,22 °C (2026)
- Folge: Reduzierte Grundlast, verstärkte Nutzung von Gaskraftwerken
Preisentwicklung an den europäischen Strom- und Gas-Märkten
Durch die Kombination aus steigenden Gas- und Kohlepreisen, eingeschränkter Kohlelogistik und gedrosselten Kernkraftwerken erhielten die Strom-Spotpreise in Deutschland und Frankreich im August einen Anstieg von mindestens 20 %. In Italien erreichten die Spotpreise sogar 180 EUR/MWh, während die nordischen und baltischen Länder unter 100 EUR/MWh blieben. Der Aufwärtsdruck auf die Termin- und Spotmärkte wurde zudem durch das Merit-Order-Prinzip verstärkt: Das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage benötigt wird, bestimmt den Clearing-Preis.
Gegenwart und Ausblick: Risiken und mögliche Entspannungsfaktoren
Mehrere Gegenkräfte könnten die aktuelle Lage mildern:
- Milde Herbstwetterlage: Überdurchschnittlich milde und windreiche Bedingungen könnten die Nachfrage nach Heizenergie reduzieren und die erneuerbaren Erzeugungsbedingungen verbessern.
- Diplomatische Annäherung USA-Iran: Eine Einigung über die Durchfahrt durch die Straße von Hormus könnte die LNG-Lieferungen stabilisieren und die Spot-Preise senken.
- Rückgang industrieller Energienachfrage: Anhaltend hohe Großhandelspreise könnten die Produktion in energieintensiven Sektoren dämpfen, was die Gesamtnachfrage reduziert, jedoch das Wirtschaftswachstum belastet.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
Warum treibt ein hoher Gaspreis automatisch die Großhandelspreise für Strom nach oben?
Auf den europäischen Strombörsen bestimmt das Merit-Order-Prinzip den Clearing-Preis. Wenn Gas- und Kohlekraftwerke aufgrund hoher Brennstoffpreise die teuersten verfügbaren Einheiten sind, setzen sie den Preis für den gesamten Markt.
Warum führt Niedrigwasser am Rhein zu Problemen bei Kohlekraftwerken?
Bei Pegelständen unter 40 cm können Binnenschiffe am Engpass Kaub nur stark teilbeladen fahren. Das erhöht die Frachtraten durch Kleinwasserzuschläge und verringert die verfügbare Transportkapazität für Kohle, was die Wirtschaftlichkeit von Kohlekraftwerken beeinträchtigt.
Welche Konsequenzen drohen, wenn die EU das 90-Prozent-Speicherziel zum Winter verfehlt?
Ein Einstieg in die Heizperiode mit rund 70 % Füllstand reduziert die maximale tägliche Ausspeiseleistung erheblich. Bei Kältewellen steigt die Abhängigkeit von kontinuierlichen LNG-Lieferungen, was extreme Preisspitzen am Spotmarkt begünstigt.
Fazit
Der Spätsommer 2026 stellt europäische Energie-Märkte vor eine seltene Kombination aus geopolitischen, klimatischen und infrastrukturellen Stressfaktoren. Der historisch niedrige Gasspeicherstand von rund 65 % liegt deutlich unter dem EU-Ziel von 90 % und erhöht die Anfälligkeit für Winterkältewellen. Gleichzeitig begrenzen niedrige Wasserstände am Mittelrhein den Kohletransport, während thermische Einleitgrenzen die Kernkraftproduktion drosseln. Diese Engpässe treiben die Strom- und Gas-Spotpreise auf Rekordniveau und belasten Verbraucher und Industrie. Nur eine Kombination aus milderen Wetterbedingungen, diplomatischen Fortschritten im Persischen Golf und einer moderaten Nachfragereduktion könnte die aktuelle Preisexplosion abmildern. Ohne solche Entlastungen bleibt das europäische Energiesystem jedoch stark vulnerabel gegenüber weiteren Schocks.

