Die deutschen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) haben für das Jahr 2027 einen EEG-Finanzierungsbedarf von 17,524 Milliarden Euro prognostiziert. Dieser Betrag entsteht aus den erwarteten Gesamtausgaben für Vergütungen und Prämien, abzüglich der Erlöse aus der direkten Vermarktung des EEG-Stroms und einer gesetzlichen Liquiditätsreserve. Da seit 2023 die EEG-Förderung aus dem Bundeshaushalt finanziert wird, führt die erwartete Lücke zu erheblichem Reformdruck auf die geplante EEG-Novelle 2027.
Gesamtkalkulation des EEG-Finanzierungsbedarfs 2027
Die rechnerische Herleitung des Finanzierungsbedarfs basiert auf vier zentralen Kennzahlen:
- Prognostizierte EEG-Gesamtkosten vor Erlösen: 18,613 Milliarden Euro (Jahr 2027) – Summe aller Ausgaben für Vergütungen und Prämien.
- Prognostizierte Vermarktungserlöse: 2,681 Milliarden Euro – Erlöse aus dem Verkauf des EEG-Stroms an der Strombörse.
- Gesetzliche Liquiditätsreserve: 1,593 Milliarden Euro – 10 %-Puffer auf die Deckungslücke nach § 4 EnFG.
- Finanzierungsbedarf insgesamt: 17,524 Milliarden Euro (Gesamtkosten minus Erlöse plus Reserve).
Der Bundeshaushaltsentwurf für 2027 sieht jedoch nur rund 16,5 Milliarden Euro vor. Daraus resultiert eine Nachfinanzierungslücke von etwa einer Milliarde Euro (ca. 1,02 Mrd. €), die den politischen Druck auf die anstehende EEG-Novelle deutlich erhöht.
Den größten Anteil an den für 2027 prognostizierten Förderzahlungen entfällt auf Photovoltaik-Anlagen.
Die Ursache für diese Schieflage verdeutlicht eine Detailauswertung des Beratungsunternehmens Enervis (2026) im Auftrag des Landesverbands Erneuerbare Energien NRW. Während das historisch gewachsene Bestandsportfolio von 184 Gigawatt Leistung jährliche Förderkosten von rund 14,8 Milliarden Euro verursacht, schlagen neu bezuschlagte Wind- und Solarprojekte (37,8 Gigawatt) im Berechnungsmodell mit lediglich etwa 400 Millionen Euro pro Jahr zu Buche. Mit durchschnittlich 0,72 Cent pro Kilowattstunde liegen die spezifischen Förderkosten moderner Neuanlagen um rund 89 Prozent unter dem Bestandswert von 6,58 Cent pro Kilowattstunde – bei Freiflächen-Solaranlagen beträgt der Förderbedarf teils sogar nur noch 0,43 Cent pro Kilowattstunde.
Technologiebezogene Verteilung des Finanzierungsbedarfs
Die Aufschlüsselung nach Energie-Technologien zeigt, welche Sektoren den größten Teil der Förderzahlungen tragen:
- Solarenergie (Photovoltaik): 9,6 Milliarden Euro – rund 65 % der erwarteten Zahlungen.
- Biomasse: 3,4 Milliarden Euro – zweithöchster Ausgabenblock.
- Onshore-Windkraft: 1,3 Milliarden Euro.
- Offshore-Windkraft: 1,3 Milliarden Euro.
Kostenunterschied zwischen Bestands- und Neuanlagen – Enervis-Studie
Die Enervis-Analyse liefert harte empirische Kennzahlen zum Kostenunterschied zwischen bestehenden und neu angeschlossenen EE-Anlagen:
- Spezifische Förderkosten neuer Anlagen (gesamt): 0,72 Cent/kWh (Modellrechnung 2025).
- Spezifische Förderkosten des Bestandsportfolios: 6,58 Cent/kWh (historisch gebundene Vergütungen).
- Förderkosten für neue PV-Freiflächenanlagen: 0,43 Cent/kWh.
- Förderkosten für Alt-Bestands-PV-Freiflächenanlagen: 6,80 Cent/kWh.
- Jährlicher Förderbedarf des Neuanlagen-Pools (37,8 GW): ca. 400 Millionen Euro.
- Jährlicher Förderbedarf des Bestandsportfolios (184,3 GW): ca. 14,8 Milliarden Euro.
Einfluss sinkender Börsenstrompreise auf die EEG-Förderungen
Die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) prognostiziert im Trendszenario, dass der durchschnittliche Börsenstrompreis von rund 106 €/MWh im Jahr 2026 auf etwa 70 €/MWh im Jahr 2030 fallen wird. Dieser Rückgang erhöht die Differenz zwischen dem gesetzlich garantierten Anreizwert und dem tatsächlichen Marktwert. Da Anlagenbetreiber in der Direktvermarktung die Differenz als Marktprämie erhalten, führen niedrigere Börsenpreise zu höheren Auszahlungsbeträgen und damit zu steigenden EEG-Förderungen.
Politische und haushaltspolitische Konsequenzen
Die Diskrepanz zwischen dem prognostizierten Finanzierungsbedarf (17,524 Mrd. €) und dem im Haushaltsentwurf vorgesehenen Betrag (16,5 Mrd. €) erzeugt mehrere Risiken:
- Erhöhter Reformdruck: Die Bundesregierung muss die EEG-Novelle 2027 anpassen, um die Finanzierungslücke zu schließen.
- Gefahr von Haushaltskürzungen: Im Rahmen der Schuldenbremse könnten politische Forderungen entstehen, Förderquoten zu senken oder zusätzliche Umlagen auf Netzentgelte einzuführen.
- Unsicherheit durch Speicherannahmen: Die FfE-Prognose berücksichtigt einen statischen Ausbau von Batteriespeichern. Ein schnellerer Zubau könnte solare Mittags-Spitzen glätten und die Differenzkosten stärker dämpfen, als derzeit angenommen.
FAQ – häufig gestellte Fragen
Bedeutet der gestiegene EEG-Finanzierungsbedarf höhere Strompreise für Endkunden?Nein. Die EEG-Umlage wurde Mitte 2022 auf null gesenkt und 2023 gesetzlich abgeschafft. Die Finanzierung erfolgt vollständig aus Steuermitteln über den Bundeshaushalt, sodass kein direkter Aufschlag auf der Stromrechnung entsteht.Warum treiben sinkende Börsenstrompreise die Förderkosten in die Höhe?Anlagenbetreiber in der Direktvermarktung erhalten als Marktprämie die Differenz zwischen dem gesetzlich garantierten anzulegenden Wert und dem erzielten Marktwert. Sinkt der Börsenstrompreis, vergrößert sich dieser Abstand, wodurch der Staat höhere Prämien auszahlen muss.Wann sinken die EEG-Ausgaben für Altanlagen spürbar?Laut FfE-Prognose erreicht der Ausgabenhöhepunkt 2029 mit 22,3 Mrd. €, bevor 2030-2031 die Ausgaben auf rund 20,6 Mrd. € zurückgehen, weil die 20-jährige Förderdauer für im Zeitraum 2009-2012 installierte Photovoltaikanlagen sukzessive endet.
Fazit
Der für 2027 erwartete EEG-Finanzierungsbedarf von 17,524 Milliarden Euro ist das Ergebnis einer genauen Buchhaltung von Gesamtkosten, Vermarktungserlösen und gesetzlicher Reserve. Die Mehrzahl der Kosten entsteht durch alte Photovoltaik-Bestandsanlagen, während neue Anlagen dank niedriger Förderkosten nur einen geringen Anteil ausmachen. Sinkende Börsenstrompreise verstärken die Marktprämien und treiben die Ausgaben weiter nach oben. Die daraus entstehende Haushaltslücke von rund einer Milliarde Euro erzeugt erheblichen politischen Druck auf die bevorstehende EEG-Novelle und wirft Fragen nach möglichen Gegenmaßnahmen wie Budget-Kürzungen, Umlage-Einführungen oder beschleunigtem Speicherausbau auf. Nur ein gezieltes Zusammenspiel von Reformen, effizienter Speicherintegration und klarer Haushaltsplanung kann die langfristige Finanzierbarkeit der deutschen Energiewende sichern.

