Am 13. Oktober 2026 wurde in der brandenburgischen Uckermark der symbolische Spatenstich für den Batteriespeicher Bertikow durchgeführt. Das Projekt von Enlight Renewable Energy und Enertrag, unterstützt von SMA Solar Technology, BELECTRIC und EDF Trading, soll bis zum vierten Quartal 2027 fertiggestellt und im ersten Halbjahr 2028 in den kommerziellen Betrieb gehen. Mit einer Anschlussleistung von 200 MW und einer Speicherkapazität von rund 840 MWh markiert Bertikow den Wandel des deutschen Batteriemarktes hin zu vierstündigen Multi-MWh-Großspeichern, die dank netzbildender Wechselrichtertechnik zur Stabilität eines zunehmend fluktuierenden Stromnetzes beitragen.
Technische Daten des Batteriespeichers Bertikow
- Leistung: 200 MW (Anschlussleistung am Umspannwerk Bertikow)
- Speicherkapazität: 840 MWh
- Rechnerische Volllast-Entladedauer: 4,2 Stunden (C-Rate 0,24)
- Netzanschluss: Direkt an das modernisierte 380-kV-Umspannwerk Bertikow (50Hertz)
- Mittlere Spannungsebene der internen GBoP-Verkabelung: 33 kV
- Zelltechnologie: Lithium-Eisenphosphat (LFP)
- Wechselrichter: Netzbildende SMA-Power-Stations (29 Einheiten, 58 Inverter)
Klassifizierung als Vier-Stunden-Großspeicher (C-Rate 0,24)
Das Verhältnis von 200 MW zu 840 MWh ergibt eine rechnerische Volllast-Entladedauer von 4,2 Stunden. Bisherige Batteriespeicher-Projekte in Deutschland waren größtenteils auf 1- bis 2-Stunden-Entladung für kurzfristige Primärregelleistung ausgelegt. Der Bertikower Speicher ermöglicht dagegen die gezielte Verschiebung ganzer Erzeugungsspitzen aus Wind- und Solarkraftwerken in ertragsarme Abend- bzw. Morgenstunden und eröffnet damit neue Spielräume im Day-Ahead- und Intraday-Handel.
Zelltechnologie und Infrastruktur – LFP und General-Balance-of-Plant-Partner
Für die Batterie-zellen wird die Lithium-Eisenphosphat-Technologie (LFP) eingesetzt. LFP-Zellen sind bekannt für hohe Zyklenfestigkeit, thermische Eigensicherheit und Brandschutz, was sie zum Standard für industrielle Netzbatterien macht.
Die Elevion-Group-Tochter BELECTRIC ist als General-Balance-of-Plant-Partner (GBoP) verantwortlich für sämtliche Tief- und Oberbauarbeiten bis zur 33-kV-Mittelsebene. Der EPC- und BESS-Spezialist übernimmt Erd-, Fundamentierungs- und elektrotechnische Arbeiten, sodass die interne Verkabelung und die Anbindung an das 380-kV-Übertragungsnetz in einem sauberen Schritt realisiert werden können.
Netzbildende Wechselrichter von SMA – Technologie für Systemdienstleistungen
Netzbildende Wechselrichter erzeugen eigenständig eine stabile Spannungs- und Frequenzquelle („Momentanreserve“) und übernehmen damit Funktionen, die bislang rotierenden Turbinenmassen traditioneller Kraftwerke vorbehalten waren. Dadurch tragen sie aktiv zur Netzstabilität bei, insbesondere bei hohem Anteil fluktuierender Wind- und Solarenergie.
SMA Solar Technology liefert 29 Medium-Voltage-Power-Stations (MVPS 9200). Jede Station beinhaltet zwei „Sunny Central Storage UP-S 4600“-Wechselrichter, sodass insgesamt 58 Batteriewechselrichter im Projekt verbaut werden. Zusätzlich sind zwei redundante SMA Power Plant Manager sowie das SMA Synchronous Grid Forming Package integriert, das netzbildende Betriebsweisen ermöglicht.
Zwischen den Abschnitten „Batteriespeicher Bertikow erhält 29 SMA-Power-Stations“ und „EDF Trading sichert sich Teil der Speicherkapazität“ fügt die Veranstaltung des symbolischen Spatenstichs einen wichtigen Meilenstein ein: Fünf Vertreter von Projektpartnern und der Gemeinde, darunter Simon Imhoff (Projektleiter BESS Bertikow bei Enertrag), Bürgermeister Peter Gerhardt von Uckerfelde, Simon Hagedorn (CFO Enertrag), Marko Liposcak (General Manager Europe Enlight Renewable Energy) und Wilhelm Kiewitt (Leiter Energiewirtschaft 50Hertz), setzten am 13. Oktober 2026 den ersten Spaten in den Boden. Die Veranstaltung unterstrich die regionale Verankerung und die strategische Bedeutung des Standorts, dessen direkte Anbindung an das 380-kV-Netz als entscheidender Standort- und Genehmigungsvorteil hervorgehoben wurde.
Wirtschaftliche Bedeutung und Marktentwicklungen
Der Bertikower Speicher steht für den Übergang des deutschen Batteriemarktes hin zu vierstündigen Multi-MWh-Großspeichern mit netzbildender Wechselrichtertechnik. Diese Entwicklung ist notwendig, um die Netzstabilität bei steigenden Anteilen fluktuierender erneuerbarer Energien zu sichern.
- Nach Angaben der Bundesnetzagentur lagen im dritten Quartal 2025 kumulierte Anschlussanfragen für Großbatteriespeicher bei 211 GW (aus 545 Anträgen). Die gesicherten 380-kV-Kapazitäten in Bertikow verschaffen dem Projekt einen klaren Vorteil gegenüber Wettbewerbern.
- Der Zubau von deutschen Großbatteriespeichern wuchs 2026 um 290 % im Vergleich zum Vorjahr (BSW-Solar-Statistik).
- Ein siebenjähriger Tolling-/Abnahmevertrag mit EDF Trading und die Optimierung durch Entrix sichern einen Teil der Speicherkapazität und ermöglichen die Teilnahme am deutschen Day-Ahead-, Intraday- und Regelenergiemarkt.
Kurzzeitige versus mehrstündige Speicherleistung
Traditionelle Batterien mit 1- bis 2-Stunden-Entladung dienen hauptsächlich der Primärregelleistung. Vier-Stunden-Systeme wie Bertikow können hingegen komplette Erzeugungsspitzen aus Wind- und Solarparks über mehrere Stunden verschieben, wodurch die Preisarbitrage im Day-Ahead- und Intraday-Handel optimiert wird.
Risiken und Gegenpositionen
- Kannibalisierungseffekte und sinkende Spreads: Mit zunehmender Anzahl von Multi-Megawatt-Speichern flacht der Preisunterschied zwischen Tag- und Nachtstunden ab, was mittelfristig die Erlöse aus Intraday-Arbitrage dämpfen kann.
- Lieferketten- und Zertifizierungsaufwand für netzbildende Wechselrichter: Die technische Komplexität von Grid-Forming-Regelungen auf 380-kV-Ebene erfordert aufwändige Konformitäts- und Stabilitätsnachweise gegenüber dem Netzbetreiber 50Hertz.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Welche Batterietechnologie kommt beim Großspeicher Bertikow zum Einsatz?Das System nutzt Lithium-Eisenphosphat-Zellen (LFP). Diese zeichnen sich durch hohe thermische Robustheit, Brandsicherheit und eine lange Zykluslebensdauer bei industriellen Großspeicheranwendungen aus.Was unterscheidet „netzbildende“ von konventionellen Wechselrichtern?Konventionelle „netzgeführte“ Wechselrichter benötigen ein stabiles Netzspannungssignal, um Einspeisung zu ermöglichen. Netzbildende Wechselrichter generieren selbst eine stabile Spannungs- und Frequenzquelle und übernehmen damit Funktionen, die bislang nur Synchrongeneratoren traditioneller Kraftwerke erledigten.Warum ist die Auslegung auf vier Stunden Speicherdauer bedeutend?Klassische Batteriespeicher in Deutschland zielten primär auf 1- bis 2-Stunden-Kapazitäten für Regelleistung ab. Vier-Stunden-Systeme wie in Bertikow sind darauf optimiert, komplette Erzeugungsspitzen aus Wind- und Photovoltaik über mehrere Stunden in ertragsarme Abend- oder Morgenspitzen zu verschieben.
Fazit
Der Batteriespeicher Bertikow ist ein Vorzeigemodell für die nächste Entwicklungsstufe deutscher Großbatterien. Mit seiner vierstündigen Speicherauslegung, der LFP-Zelltechnologie, der umfangreichen 33-kV-GBoP-Infrastruktur und den netzbildenden SMA-Wechselrichtern liefert er nicht nur Systemdienstleistungen, sondern ermöglicht auch eine effektive Preis-Arbitrage über mehrere Stunden. Die gesicherte Anbindung an das 380-kV-Umspannwerk Bertikow bietet einen klaren Standort- und Genehmigungsvorteil in einem Markt, der von über 200 GW an Speicheranschlussanfragen gekennzeichnet ist. Trotz potenzieller Markt-Risiken durch Preisflachheit und technische Zertifizierungsanforderungen stellt das Projekt einen bedeutenden Schritt zur Integration erneuerbarer Energien und zur Stabilisierung des deutschen Stromnetzes dar.

