Die Installation von Photovoltaik-Anlagen auf Steildächern gehört zu den unfallträchtigsten Bauarbeiten. Laut der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) ereignen sich jährlich rund 7.000 meldepflichtige Leiterunfälle, von denen etwa die Hälfte direkte Absturzunfälle sind. Gleichzeitig macht der Absturz (41 % aller tödlichen Arbeitsunfälle 2025) und insbesondere das Dach (24 % der tödlichen Unfälle) den größten Teil der Gefahren aus. Vor diesem Hintergrund haben Enpal und die Adolf Würth GmbH & Co. KG das Roof Access Safety Transport System (RAST) entwickelt – ein integriertes Schutz- und Zugangssystem, das Leitern über eine zertifizierte, fahrbare Arbeitsbühne ersetzt und damit das Unfallrisiko signifikant senken soll.
Unfallschwerpunkt Leiternutzung und STOP-Prinzip im Arbeitsschutz
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) sowie die BG BAU klassifizieren tragbare Anlegeleitern nach dem STOP-Prinzip (Substitution, Technische Maßnahmen, Organisation, Persönliche Schutzausrüstung) als Arbeitsmittel mit hohem Risiko. Gesetzliche Vorgaben wie die TRBS 2121-2 fordern, Leitern vorrangig durch sicherere Alternativen wie Gerüste oder fahrbare Arbeitsbühnen zu ersetzen. Dies wird anhand folgender Kennzahlen deutlich:
- Rund 7.000 meldepflichtige Leiterunfälle pro Jahr (2024, BG BAU).
- Davon etwa 50 % direkte Absturzunfälle.
- 41 % aller tödlichen BG BAU-Unfälle resultieren aus Abstürzen (2025).
- 24 % der tödlichen Unfälle ereignen sich auf Dachflächen (2025).
Durch die Substitution von Leitern durch das RAST-System wird ein zentraler Risikofaktor eliminiert, was im Einklang mit den Vorgaben des STOP-Prinzips steht.
Normativer Rahmen: DIN EN 13374 und Klassen für Dachabsturzsicherungen
Die europäische Norm DIN EN 13374 regelt temporäre Seitenschutzsysteme an Kanten und Dächern. Sie unterscheidet drei Klassen:
- Klasse A: bis 10° Dachneigung.
- Klasse B: bis 30° Dachneigung.
- Klasse C: 30° bis 60° Dachneigung – dynamische Auffangeinrichtung für abrutschende Personen auf Steildächern (nach 2019 definiert).
RAST integriert eine nach DIN EN 13374 geprüfte, fahrbare Arbeitsbühne (Tower) sowie einen begehbaren Spenglergang an der Dachkante, der der Klasse C entspricht und damit Personen auf Dächern bis zu einer Neigung von 60° schützt.
Das RAST-System: Komponenten, Funktionsweise und Zertifizierung
RAST kombiniert vier zentrale Bausteine, die einen standardisierten Montageablauf ermöglichen:
- Fahrbare Arbeitsbühne (Tower): Erster nach DIN EN 13374 geprüfter Zugang, ermöglicht Aufstieg bis zu acht Meter Traufhöhe.
- Begehbarer Spenglergang an der Dachkante: Bietet einen Arbeitsraum vergleichbar mit einem Gerüst.
- Seitenschutz und feste Sicherungspunkte: Gewährleisten Absturzsicherung entlang der Dachkante.
- Materialaufzug & Notfallausrüstung: Transportiert Material ohne Leitern und ermöglicht schnelle Reaktion im Notfall.
Die Prüfungen wurden in Zusammenarbeit mit den Prüf- und Zertifizierungsstellen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV Test) sowie den Berufsgenossenschaften BG ETEM und BG BAU durchgeführt. Als Resultat ist die fahrbare Arbeitsbühne die erste ihrer Art, die die Anforderungen der DIN EN 13374 erfüllt.
Statistiken und Sicherheitswirkungen des RAST-Einsatzes
Der rasante PV-Zubau in Deutschland – über 1.000.000 neu installierte Solaranlagen im Jahr 2023 – erhöht die Zahl der Dacharbeiten erheblich. Durch die Einführung von RAST ergeben sich laut den vorliegenden Daten folgende sicherheitsrelevante Effekte:
- Eliminierung des Leiternutzungsrisikos, das jährlich rund 7.000 Unfälle verursacht.
- Reduktion direkter Absturzgefahr, da die Arbeitsbühne jederzeit einen gesicherten Zugang bietet.
- Erfüllung des STOP-Prinzips durch technische Substitution gefährlicher Leitern.
- Erfüllung der Normklasse C (30-60°) ermöglicht Einsatz auf den meisten Steildächern, die 24 % aller tödlichen Unfälle ausmachen.
Durch den gesicherten Zugang und die kontinuierliche Verfügbarkeit von Transport- und Notfallausrüstung während des gesamten Arbeitseinsatzes wird das allgemeine Unfallrisiko signifikant gesenkt.
Praxisnahe Gegenüberstellung: Vorteile versus Herausforderungen
Vorteile
- Signifikante Senkung des Unfallsrisikos durch Wegfall von Leitern.
- Erfüllung gesetzlicher Vorgaben (TRBS 2121-2, DIN EN 13374).
- Standardisierter, zertifizierter Zugang erhöht die Planungs- und Schulungs-Sicherheit.
- Materialtransport ohne Leitern reduziert Montagezeit an der Dachkante.
Herausforderungen
- Rüstzeiten und Transportlogistik: Fahrbare Arbeitsbühnen und modulare RAST-Elemente benötigen zusätzliche Fahrzeuge/Anhänger und Montagezeit vor Ort, was für kleinere Subunternehmen kostenintensiv sein kann.
- Geländebeschaffenheit: Für die Nutzung muss ein ausreichend tragfähiger, ebener Untergrund an der Fassade vorhanden sein; enge Reihenmittelhäuser, Hanglagen oder dichte Bepflanzung können die Einsatzfähigkeit einschränken.
- Investitionskosten: Angaben zu den Anschaffungskosten wurden nicht veröffentlicht; proprietäre Lösungen können Wirtschaftlichkeitsfragen für kleinere Betriebe aufwerfen.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Warum ist der Verzicht auf Leitern bei PV-Montagen arbeitsschutzrechtlich so bedeutsam?Tragbare Leitern dürfen gemäß TRBS 2121-2 nur eingesetzt werden, wenn keine sichereren Arbeitsmittel verfügbar sind. Da jährlich rund 7.000 Leiterunfälle gemeldet werden, fordern die Berufsgenossenschaften geführte Aufstiege und Hebebühnen, um das Risiko zu reduzieren.Was deckt die Norm DIN EN 13374 genau ab?Sie legt Anforderungen und Prüfverfahren für temporäre Seitenschutzsysteme an Kanten und Dächern fest, um Personen gegen Abrutschen und Absturz auf Flächen mit Neigungen bis zu 60 ° zu sichern.Wie funktioniert die Prüfung der fahrbaren Arbeitsbühne nach DIN EN 13374?Die Prüfungen wurden gemeinsam mit den DGUV-Teststellen und den Berufsgenossenschaften BG ETEM und BG BAU durchgeführt. Die Bühne erfüllt alle Prüfanforderungen für die Klasse C, also Sicherung bei Dachneigungen von 30 ° bis 60 °.Für welche Dachhöhen ist RAST geeignet?Der Zugang ist für Steildächer mit einer Traufhöhe von bis zu acht Metern ausgelegt.
Fazit
Das von Enpal und Würth entwickelte RAST-System stellt einen bedeutenden Fortschritt im Arbeitsschutz für die wachsende Photovoltaik-Montage auf Steildächern dar. Durch die Substitution von Leitern mit einer nach DIN EN 13374 zertifizierten, fahrbaren Arbeitsbühne werden die häufigsten Unfallursachen – direkte Abstürze von Leitern und fehlende Absturzsicherung – adressiert. Statistiken der BG BAU belegen, dass Leiternunfälle jährlich rund 7.000 Fälle betragen und Abstürze 41 % aller tödlichen Unfälle ausmachen; gleichzeitig sind Dächer mit 24 % die häufigste Unfallstätte. RAST erfüllt das STOP-Prinzip, unterstützt die Einhaltung von TRBS 2121-2 und liefert gleichzeitig einen standardisierten, modularen Ansatz für verschiedene Gebäudestrukturen.
Dennoch müssen Montagebetriebe die praktischen Rahmenbedingungen prüfen: Transportlogistik, Rüstzeiten, bauliche Gegebenheiten und mögliche Anschaffungskosten können die breite Adoption beeinflussen. Bei geeigneten Einsatzbedingungen bietet RAST jedoch eine klare, statistisch untermauerte Sicherheitsverbesserung und stellt damit einen wichtigen Meilenstein für die Branche dar.

