Der Trend zu Mittelspannungs-DC (3.000 – 6.000 V) in Groß-PV-Anlagen verspricht erhebliche Kosteneinsparungen, stellt jedoch die herkömmlichen Modulisolationen vor neue Herausforderungen. Aktuelle Forschungsergebnisse des französischen CEA-Liten zeigen, dass die Systemspannung von 1.500 V auf 3.000 V die ohmschen Leitungsverluste halbiert und den Bedarf an Kupfer- und Aluminiumkabeln um bis zu 47 % reduziert (Quelle S2, 2025). Gleichzeitig werden PID-Effekte stark verstärkt, insbesondere an der Rückseite bifazialer PERC-Zellen. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Erkenntnisse zu PID-Mechanismen, Materialauswahl und normativen Lücken zusammen.
Wirtschaftlicher Hebel durch Mittelspannungs-DC in Großanlagen
Eine Anhebung der Systemspannung von 1.500 V auf 3.000 V führt zu messbaren Einsparungen im Balance-of-System (BOS):
- Reduktion der Leitungsverluste um 50 % (S2, 2025).
- Einsparung von Kupfer- und Aluminiumleitern um 47 % (S2, 2025).
Der Vorstoß in den Mittelspannungsbereich von 3.000 V bis 6.000 V DC ist für die Solarbranche hochgradig attraktiv: Analysen des französischen Forschungsinstituts CEA-Liten zeigen, dass eine Anhebung der Systemspannung von heute üblichen 1.500 V auf 3.000 V die ohmschen Leitungsverluste um rund 50 % halbiert und den Bedarf an teuren Kupfer- und Aluminiumkabeln in der Balance-of-System-Infrastruktur um bis zu 47 % senkt (CEA-Liten, 2025). Ähnliche Konzepte untersuchen Institute wie das Fraunhofer ISE für Megawatt-Ladeparks und lineare Solartrassen. Bislang klafft jedoch eine erhebliche Lücke in den internationalen Zertifizierungsstandards.
PID-Mechanismen bei hohen Systemspannungen
Die Studie von Bellini et al. (2026) demonstriert, dass steigende Spannungen die potenzialinduzierte Degradation (PID) deutlich verschärfen. Bei 6.000 V wurden maximale Leistungsverluste von 13,5 % an der Vorderseite und 19,5 % an der Rückseite gemessen. Der rückseitige Verlust stieg nach dunkler Lagerung auf bis zu 26 % und sank nach Beleuchtung wieder auf 9,8 %, was auf eine teilweise Erholung hinweist.
Klassische PID vs. neu entdecktes PID-d
Traditionelle PID beruht auf schrittweiser Ionenwanderung (z. B. Natrium) und Oberflächenpolarisation. Das neu identifizierte Phänomen PID-d (partial-discharge-induzierte electrical treeing) entsteht durch lokale Teilentladungen, die mikroskopische Hohlräume und Delaminationen erzeugen. Diese Mechanismen wurden ausschließlich in ionomer-gekapselten Modulen bei 3.000 V beobachtet.
Einfluss der Einkapselungsmaterialien auf PID und Teilentladungen
Vier gängige Encapsulant-Typen wurden bei 3.000 V bewertet: POE, TPO, EVA und Ionomer. Die Ergebnisse zeigen eine klare Korrelation zwischen elektrischer Leitfähigkeit des Materials und dem Ausmaß der Leistungsdegradation.
- Polyolefin-Elastomer (POE): 4,6 % Leistungsverlust auf der Rückseite – bester Schutz (S1, 2026).
- Thermoplastic Polyolefin (TPO): 23,6 % Rückseitenverlust – schlechtester Schutz.
- Ethylene-Vinyl Acetate (EVA): 21,7 % Rückseitenverlust.
- Ionomer: 13,0 % Rückseitenverlust, gleichzeitig Auftreten von PID-d.
Die Leistungsabfälle steigen linear mit dem Logarithmus der Materialleitfähigkeit: pro Zehn-facher Erhöhung der Leitfähigkeit verliert die Vorderseite 1,8 % und die Rückseite 4,9 % der Leistung.
Leitfähigkeits-Korrelation
Die Messungen unter kontrollierten Feld-, Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen belegen, dass TPO-Leitfähigkeit bei steigender Spannung und Temperatur signifikant zunimmt – bis zu zwei Größenordnungen zwischen 20 °C und 80 °C.
Materialresistenz alternativer Zelltechnologien
Während PERC-Zellen bei hohen Spannungen massive Verluste durch Natrium-Ion-Drift und Polarisation zeigen, behalten modifizierte Heterojunction-Zellen (HJT) sowie angepasste Moduldesigns unter ±6.000 V PID-Verluste von unter 2 % (S2, 2025). Dies verdeutlicht, dass ein Technologiewechsel von PERC zu HJT/TOPCon die PID-Problematik signifikant mindern kann.
Normungslücke bei Prüfstandards oberhalb von 1.500 V DC
Aktuelle Zertifizierungs- und PID-Teststandards, z. B. IEC TS 62804-1, sowie Sicherheitsnormen wie IEC 61730 sind historisch auf maximal 1.500 V DC ausgelegt (S3, 2023). Für Teilentladungsprüfungen und elektrische Feldstärken bei 3.000 V bzw. 6.000 V fehlen harmonisierte Prüfprofile, sodass das neu identifizierte PID-d in bestehenden Qualitätskontrollen nicht abgebildet wird.
Praxisrelevante FAQ
- Warum treibt die Industrie PV-Systemspannungen auf über 1.500 V? Höhere Spannungen reduzieren bei gleicher Leistung die Stromstärken, wodurch ohmsche Übertragungsverluste um 50 % sinken und rund 47 % Kabelmaterial eingespart werden können.
- Was unterscheidet das neu entdeckte ‚PID-d‘ von klassischer PID? Klassische PID basiert auf schrittweiser Ionenwanderung; PID-d entsteht durch lokale Teilentladungen und elektrische Baumbildung, die das Polymer mechanisch beschädigen.
- Welche Folie bietet nach aktuellem Stand den besten Schutz bei Mittelspannung? Polyolefin-Elastomere (POE) zeigen mit lediglich 4,6 % Leistungsverlust den größten Schutz und zeigen keine Anzeichen von Teilentladungen.
Fazit
Der Wechsel zu Mittelspannungs-DC in Groß-PV-Anlagen ist wirtschaftlich stark motiviert: halbierte Leitungsverluste und fast die Hälfte an Kabelmaterial können eingespart werden. Gleichzeitig verstärken sich PID-Effekte, insbesondere an der Rückseite bifazialer PERC-Zellen, und ein neuartiger PID-d-Mechanismus entsteht in ionomer-basierten Encapsulanten. Die Auswahl eines niedrig-leitfähigen Encapsulants – idealerweise POE – reduziert Leistungsverluste deutlich und verhindert Teilentladungen. Darüber hinaus zeigen HJT-Zellen eine hervorragende Spannungs- und PID-Stabilität, was einen Technologiewechsel zugunsten höherer Systemspannungen attraktiv macht. Abschließend besteht ein klarer Handlungsbedarf, die bestehenden Normen (IEC 61730, IEC TS 62804-1) über 1.500 V DC hinaus zu erweitern, um die identifizierten Degradationsrisiken systematisch zu prüfen und die zuverlässige Integration von Mittelspannungs-PV-Systemen zu gewährleisten.

