Im Projekt NaREsys werden batteriebasierte Klein-Speichermodule mit einer Kapazität von rund zwei Kilowattstunden (kWh) in Mietwohnungen von Mehrfamilienhäusern ohne baulichen Aufwand installiert und zu einem zentral gesteuerten Schwarm aggregiert. Ziel ist es, die bislang ungenutzte Flexibilitätsressource von mehr als 22 Millionen Mietwohnungen für den Strommarkt, die Netzstabilität und die Krisenresilienz nutzbar zu machen. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium der Verteidigung mit 13 Millionen Euro gefördert und läuft vom 1. März 2026 bis zum 28. Februar 2029.
Das ungenutzte Potenzial des Mietersegments
Während in Deutschland bereits rund 2,5 Millionen Heimspeicher mit einer Gesamtkapazität von 27,8 Gigawattstunden (GWh) installiert sind (Stand Ende März 2026, Battery Charts, RWTH Aachen), konzentrieren sich diese fast ausschließlich auf Ein‑ und Zweifamilienhäuser mit Aufdach‑Photovoltaik. Gleichzeitig wohnen 54,9 % aller deutschen Haushalte – das entspricht 23,6 Millionen Wohnungen – in Mehrfamilienhäusern (Statistisches Bundesamt, 2025). Diese Mietwohnungen haben bislang kaum Zugang zu Speicher‑ und Flexibilitätsmärkten, weil sie keinen Dachzugang besitzen oder durch hohe bürokratische Hürden blockiert werden.
- Installierte Batteriespeicher 2026: ca. 2,5 Millionen Geräte (27,8 GWh)
- Wohnungen in Mehrfamilienhäusern 2025: 23,6 Millionen (54,9 % aller Wohnungen)
- Potenzial: über 22 Millionen Mietwohnungen könnten mit 2‑kWh‑Modulen ausgestattet werden
Durch die Schwarmbündelung dieser Kleinspeicher entsteht ein theoretisches Flexibilitätspotenzial im zweistelligen Gigawattstunden‑Bereich, das bislang nicht erschlossen ist.
Technische Basis – Plug-and-Play-Kleinspeicher mit 2 kWh
Die NaREsys‑Module sind als Plug‑and‑Play‑Lösungen konzipiert: Sie lassen sich über eine handelsübliche Schuko‑Steckdose anschließen, benötigen keinen Elektroinstallateur und können sofort in Betrieb genommen werden. Mehrere solcher Geräte können über eine zentrale Steuerungsplattform vernetzt und als steuerbarer Schwarm aggregiert werden. Die Steuerung berücksichtigt Strommarktpreise, Netzzustandsinformationen, Messdaten sowie Last‑ und Erzeugungsprognosen, um optimale Lade‑ und Entlade‑Fahrpläne zu erstellen.
Regulatorische Hürde der 4,2‑kW‑Schwelle (§ 14a EnWG)
Die Bundesnetzagentur klassifiziert steuerbare Verbrauchseinrichtungen erst dann als förderfähig, wenn ihre Netzanschlussleistung die Schwelle von 4,2 kW überschreitet (BK6‑22‑300, 2024). Typische Kleinspeicher mit einer Entladeleistung von unter 1 kW liegen deutlich darunter und erhalten weder standardisierte Netzentgeltnachlässe noch einheitliche Steuerschnittstellen. Ohne eine spezielle Aggregationsregel für Schwärme bleiben Mietern reduzierte Netzentgelte verwehrt, was die wirtschaftliche Intraday‑Arbitrage erschwert.
- Mindestleistungsschwelle: 4,2 kW (§ 14a EnWG, 2024)
- Typische Kleinspeicher‑Entladeleistung: < 1 kW
- Folge: Keine Netzentgelt-Reduzierung, keine standardisierte Steuerung
Dual‑Use‑Konzept und IT‑Sicherheitsarchitektur
Das Projekt verfolgt einen Dual‑Use‑Ansatz: Neben der zivilen Nutzung für Flexibilitäts‑ und Netzdienste sollen die dezentralen Akkus bei großflächigen Stromausfällen kritische Kommunikationsgeräte (z. B. Notfunk, Telefone) autark versorgen. Dafür setzt NaREsys auf Zero‑Trust‑Architekturen und gehärtete Edge‑Knoten, die einen dezentralen Betrieb ohne permanente Verbindung zu einer Leitstelle ermöglichen. Die IT‑Sicherheit wird vom Forschungszentrum Informatik (FZI) mit speziellen Koordinations‑Algorithmen und Sicherheitsarchitekturen geprüft.
- Fördersumme Bundesmittel: 13 Mio. € (2026)
- Zero‑Trust‑Architektur und gehärtete Edge‑Knoten für Resilienz
- Dezentrale Energieversorgung von Notfallkommunikation bei Netzausfall
Projektlaufzeit, Reallabor und Testfelder
NaREsys wird über einen Zeitraum von 36 Monaten (01.03.2026 - 28.02.2029) durchgeführt. Das zentrale Reallabor befindet sich in Borna (Sachsen) und sieht den Einsatz von mehr als 100 vernetzten Batteriespeichern vor. Dort wird die gesamte Prozesskette – von der Installation über die Anbindung bis zum operativen Betrieb unter realen Markt‑ und Netzbedingungen – getestet. Zusätzlich sind weitere Testfelder in anderen Städten geplant, um die Skalierbarkeit des Ansatzes zu prüfen.
- Projektlaufzeit: 01.03.2026 - 28.02.2029 (36 Monate)
- Reallabor Borna: > 100 Batteriespeicher
- Testziele: Intraday‑Handel, Abrechnung, Netzeffekte, regulatorische Anpassungen
Wirtschaftliche und technische Herausforderungen
Bei der Realisierung des Kleinspeicherschwarms treten mehrere kritische Punkte auf:
- Wirtschaftlichkeit bei fehlender Netzentgeltbefreiung: Ohne reduzierte Netzentgelte und Abgaben ist die Intraday‑Arbitrage für Mieter und Versorger kaum profitabel.
- Wirkungsgradverluste: Plug‑and‑Play‑Speicher, die an einer Schuko‑Steckdose betrieben werden, weisen Systemwirkungsgrade von nur 75 % bis 85 % auf, was die Netto‑Handelsmarge pro kWh verringert.
- Erhöhte Angriffsfläche im Internet of Things (IoT): Zehntausende vernetzter Niederspannungs‑Speicher können bei Sicherheitslücken potenzielle Ziele für koordinierte Angriffe auf die Netzfrequenz darstellen.
FAQ – häufig gestellte Fragen
Warum greift § 14a EnWG bislang nicht für solche Kleinspeicher?
Die Festlegung der Bundesnetzagentur greift erst ab einer Netzanschlussleistung von über 4,2 kW je Anlage. NaREsys‑Speicher liegen mit typischen Lade‑ und Entladeleistungen unter 1 kW weit darunter und erhalten daher weder standardisierte Netzentgeltnachlässe noch einheitliche Steuerschnittstellen.
Warum fördert das Verteidigungsministerium ein Projekt für Mieter‑Akkus?
Im Rahmen der zivilen Verteidigung und kritischen Infrastruktur (KRITIS) dient das Projekt als Dual‑Use‑Vorhaben: Die dezentralen Akkus sollen bei überregionalen Stromausfällen wichtige Kommunikationsgeräte wie Handys und Notfallradios autark mit Energie versorgen.
Wie groß ist das Potenzial im Vergleich zu klassischen PV‑Heimspeichern?
Während über 2,5 Millionen Speicher vorwiegend in Einfamilienhäusern stehen, leben fast 55 % aller deutschen Haushalte in Mehrfamilienhäusern. Werden diese Millionen Mietwohnungen mit standardisierten 2‑kWh‑Modulen erschlossen, entsteht ein theoretisches Flexibilitätspotenzial im zweistelligen Gigawattstunden‑Bereich.
Fazit
NaREsys demonstriert, wie ein steuerbarer Schwarm aus Plug‑and‑Play‑Kleinspeichern das bislang marginal genutzte Mieter‑Segment in die Flexibilitäts‑ und Resilienz‑Strategien des deutschen Energiesystems integrieren kann. Die Kombination aus technischer Plug‑and‑Play‑Lösung, zentraler Schwarmsteuerung, Dual‑Use‑Resilienz und einer gezielten Förderung durch das Bundesverteidigungsministerium schafft die Voraussetzungen, um regulatorische Hürden zu adressieren und gleichzeitig die Netzstabilität zu stärken. Trotz offener wirtschaftlicher und sicherheitstechnischer Fragen – insbesondere Netzentgelt‑Reduzierung, Wirkungsgrad und IoT‑Sicherheitsrisiken – liefert das Reallabor in Borna wichtige Erkenntnisse für die zukünftige Skalierung des Ansatzes und könnte langfristig einen bedeutenden Beitrag zur deutschen Energiewende und zur Krisenresilienz leisten.

