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Stichtags- und Reifegradbasiertes Vergabeverfahren für Netzanschlüsse ab 950 kW – Netze BW stellt das neue Verfahren vor

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    Der Verteilnetzbetreiber Netze BW hat ein neues, stichtags- und reifegradbasiertes Vergabeverfahren für Netzanschlüsse von Anlagen ab 950 kW eingeführt. Ziel ist es, das bisherige Windhundprinzip („First come, first served“) abzuschaffen und stattdessen projektreife Vorhaben gegenüber reinen Planungsanträgen zu priorisieren. Damit reagiert Netze BW auf den massiven Anstieg von Speicheranfragen, der die verfügbaren Netzkapazitäten in Deutschland stark belastet.

    Regulatorischer Hintergrund und rechtliche Basis

    Ende 2025 hat der Bundesgesetzgeber die Kraftwerks-Netzanschlussverordnung (KraftNAV) reformiert und Batteriespeicher aus deren Anwendungsbereich herausgenommen. Seitdem unterliegen Speicheranlagen dem § 17 Abs. 1 EnWG, der Netzbetreibern die Nutzung diskriminierungsfreier Kriterien wie die Projektreife erlaubt. Diese gesetzliche Änderung bildet die Grundlage für die Abkehr vom Windhundprinzip und ermöglicht das neue Reifegradverfahren.

    • Novelle der KraftNAV und Öffnung des EnWG (Ende 2025)
    • Speicheranlagen fallen nun unter § 17 EnWG
    • Diskriminierungsfreie Bewertung nach Reifegrad und Punktesystem

    Problemstellung: Überhang an Anschlussanfragen und Speicherboom

    Die Bundesnetzagentur hat für das Berichtsjahr 2024 rund 400 GW an Anschlussanfragen für Batteriespeicher auf Mittel- bis Höchstspannungsebene erfasst, während die tatsächlich installierte Nettonennleistung von Batteriespeichern bei lediglich 2,3 GW lag. Bei Netze BW ergeben sich folgende Kennzahlen (Stand 2026):

    • Offene Anschlussanfragen Hochspannung: 20 GW
    • Offene Anschlussanfragen Mittelspannung: 2,2 GW
    • Spitzenlast im Netzgebiet: 7,3 GW
    • Anteil von Batteriespeichern an offenen Anfragen: > 90 %

    Die hohe Nachfrage führt zu einer Blockade der Netzkapazitäten, weil spekulative Großspeicher-Anträge das System überlasten.

    Das neue Reifegrad- und Punkteverfahren von Netze BW

    Ab dem 1. November 2026 öffnet Netze BW ein Anmeldefenster für alle Anlagen ab 950 kW. Die Anträge werden nach einem Punkteverfahren bewertet, das mehrere Kriterien umfasst:

    Bewertungskriterien und Punkteverteilung

    • Projektreife (max. 50 Punkte): Nachweis von Flächensicherung, Genehmigungsstand oder genehmigungsfreiem Projekt sowie Status an der Übergabestation.
    • Ortsgebundenheit (max. 34 Punkte): Geplante Erweiterungen von Bestandanlagen am selben Standort.
    • Frühzeitigkeit (max. 16 Punkte): Vorteile für bereits eingereichte oder früher abgewiesene Anträge, um diese im neuen System besserzustellen.

    Für Bestandsanfragen wurde das Kriterium „Frühzeitigkeit“ mit bis zu 16 Punkten eingeführt, sodass bereits vorliegende Vorhaben einen Startvorteil erhalten.

    Die Punktevergabe wird einmal jährlich durchgeführt; die Rückmeldung und Vergabe der Netzanschlusskapazitäten erfolgt voraussichtlich bis zum 1. März.

    Flexible Netzanschlussvereinbarungen (FCAs) und digitale Mittelspannungsauskunft

    Parallel zum Punkteverfahren plant Netze BW die Vergabe von 30 flexiblen Netzanschlussvereinbarungen (FCAs). Diese ermöglichen einen schnelleren Netzanschluss, sofern der Betreiber seine Ein- oder Ausspeisung in netzkritischen Engpasssituationen temporär drosselt oder anpasst.

    Zusätzlich wird die digitale Mittelspannungsauskunft zum 1. September erweitert, sodass künftig auch größere Netzanschlüsse auf der Bezugsseite (Strombezug) frühzeitig und unverbindlich geprüft werden können.

    Vergleich mit dem Reifegradmodell der Übertragungsnetzbetreiber

    Das Verfahren von Netze BW ist eine „abgespeckte Version“ des Reifegradverfahrens, das die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber (50Hertz, Amprion, TenneT, TransnetBW) zum 1. April 2026 für Höchstspannungsanschlüsse eingeführt haben. Dort blockierten zuvor über 210 GW an Speicheranfragen die Kapazitäten. Durch das Reifegradmodell konnten diese Anfragen reduziert und die Netzplanung transparenter gestaltet werden.

    Die Parallelen zeigen, dass Netze BW dem bundesweiten Trend der Netzreformen folgt und das Modell an die Bedürfnisse des Verteilnetzes anpasst.

    Kritische Stimmen und Risiken

    Branchenverbände wie der Bundesverband Energiespeicher Systeme (BVES) und der Bundesverband Erneuerbare Energie (bne) warnen vor möglichen Verzerrungen:

    • Hürden für Start-Ups und Projektentwickler: Sehr strenge Kriterien (z. B. bereits vorliegende Baugenehmigungen oder Kapitalnachweise) könnten die Bankfähigkeit verschlechtern und finanzielle Vorleistungen erzwingen.
    • Fragmentierung der Vergabeverfahren: Unterschiedliche Reifegrad- und Punktesysteme bei den Verteilnetzbetreibern erhöhen den bürokratischen Aufwand für überregional agierende Investoren.

    FAQ zum neuen Verfahren

    Was passiert mit bereits eingereichten Anschlussbegehren?Für Bestandsanfragen hat Netze BW das Kriterium „Frühzeitigkeit“ geschaffen (bis zu 16 Punkte), sodass bereits vorliegende oder früher abgewiesene Vorhaben im neuen Punktesystem einen Startvorteil erhalten.Was sind flexible Netzanschlussvereinbarungen (FCAs)?FCAs erlauben einen schnelleren Netzanschluss unter der Bedingung, dass der Betreiber seine Ein- oder Ausspeisung in netzkritischen Engpasssituationen temporär drosselt oder anpasst.

    Ausblick und Bedeutung für die zukünftige Netzplanung

    Durch das neue Verfahren soll sichergestellt werden, dass gut vorbereitete, vollständig dokumentierte und konkrete Projekte schneller einen Netzanschluss erhalten. Jörg Reichert, Vorsitzender der Netze-BW-Geschäftsführung, betont, dass das Unternehmen gleichzeitig massiv in den Netzausbau investiere – bis 2030 sollen jährlich dreistellige Millionenbeträge in den Ausbau und die Modernisierung der Stromnetzinfrastruktur fließen.

    Damit bietet das Reifegrad- und Punkteverfahren nicht nur eine Lösung für das aktuelle Speicher- und Anschlussproblem, sondern legt auch einen Grundstein für eine langfristig planbare und faire Netzkapazitätsvergabe.

    Fazit

    Das stichtags- und reifegradbasierte Vergabeverfahren von Netze BW stellt einen wichtigen Schritt dar, um das Windhundprinzip zu überwinden und die Netzkapazitäten gezielt für reife Großprojekte und Batteriespeicher zu reservieren. Die Kombination aus klaren Bewertungskriterien, flexiblen Anschlussvereinbarungen und einer rechtlich gesicherten Grundlage schafft Transparenz und fördert Investitionen in leistungsfähige Speicheranlagen – ein entscheidender Beitrag zur Stabilisierung des deutschen Stromnetzes im Zuge des anhaltenden Speicherbooms.

    Carsten Steffen
    Autor: Carsten Steffen
    Carsten Steffen, Gründer von photovoltaik.sh, bringt sein tiefes Verständnis für Photovoltaik und seine Begeisterung für erneuerbare Energien ein, um Kunden in Schleswig-Holstein seit 2021 schneller und kostengünstiger zu ihrer eigenen Photovoltaikanlage zu verhelfen. Ermöglicht wird das Dank der Zusammenarbeit mit lokalen Solarteuren. Regelmäßige Schulungen runden unsere Expertise ab. Mit der Gründung von photovoltaik.sh sind wir Ihr vertrauenswürdigen Partner für alle, die ihren Stromverbrauch nachhaltig gestalten möchten.
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