Die von der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellte Studie quantifiziert den direkten Zusammenhang zwischen regulatorischen Rahmenbedingungen, privaten Investitionen und dem Arbeitsmarktpotenzial der deutschen Energiewende. Sie vergleicht einen optimistischen Zielpfad mit dem aktuellen politischen Kurs und zeigt, welche Zahlen für Beschäftigung und Investitionen bis zum Jahr 2035 erwartet werden.
Erwartetes Beschäftigungswachstum bei Erreichen der Ausbauziele
Wenn die gesetzlichen Ausbauziele für Photovoltaik, Windenergie und Wärmepumpen vollständig umgesetzt werden, könnten im Jahr 2035 insgesamt 706.100 Vollzeitstellen in der Erneuerbare-Energien-Branche entstehen – das entspricht einem Zuwachs von 270.000 Stellen gegenüber dem Rekordstand von 2025.
Der stärkste relative Zuwachs wird im Wärmepumpensektor erwartet: von 72.200 Beschäftigten im Basisjahr 2025 auf 232.800 im Jahr 2035, also mehr als das Dreifache. Die wichtigsten Beschäftigungsbereiche im Jahr 2025 verteilen sich wie folgt:
- Windenergie (Land und See): 172.000 Personen (größter Sektor, +30 % Zuwachs zwischen 2023 und 2025)
- Biomasse: 97.000 Personen (zweitgrößter Bereich)
- Photovoltaik: knapp 90.000 Personen
Zusammen ergeben diese Sektoren eine Bruttobeschäftigung von 436.300 Personen im Basisjahr 2025.
Investitionslücke als Haupttreiber der Beschäftigungsverluste
Die Studie identifiziert die Differenz zwischen den erforderlichen privaten Investitionen und den tatsächlich zu erwartenden Investitionen als zentrale Ursache für das Beschäftigungsdefizit. Im Zielpfad sollen die jährlichen Investitionen in erneuerbare Energien bis 2035 auf 79,0 Mrd. Euro steigen. Der aktuelle politische Kurs hingegen prognostiziert lediglich 52,1 Mrd. Euro pro Jahr – eine Lücke von 26,9 Mrd. Euro jährlich.
Diese Investitionslücke von fast 27 Mrd. Euro pro Jahr führt zu einem Verlust von 186.600 Vollzeitstellen im Vergleich zum Zielpfad. Ohne die zusätzlichen Investitionen würden im Jahr 2035 nur 519.500 Stellen entstehen – ein Plus von 83.000 gegenüber 2025, jedoch deutlich weniger als das Potenzial von 706.100 Stellen.
Aktuelle Branchenverteilung und Fundament der Beschäftigung 2025
Der Rekordstand von 436.300 Vollzeitarbeitsplätzen im Jahr 2025 beruht vor allem auf der Windenergie, die mit 172.000 Beschäftigten mehr als ein Drittel aller Stellen im Erneuerbare-Sektor ausmacht. Darauf folgen die Bioenergie (97.000) und die Solarenergie (ca. 90.000). Diese Aufteilung verdeutlicht, welche Technologien bereits heute stabile Beschäftigungszahlen liefern und wo künftig weiteres Wachstum zu erwarten ist.
- Windenergie: 172.000 Personen (Land- und Offshore-Wind)
- Biomasse: 97.000 Personen
- Photovoltaik: 90.000 Personen
- Wärmepumpen (Basisjahr): 72.200 Personen
Regulatorische Bremsen: EEG-Novelle 2027, Netzpaket und GModG
Die geplante EEG-Novelle 2027 und das Netzpaket enthalten mehrere Mechanismen, die Investoren verunsichern und das Beschäftigungswachstum dämpfen könnten:
- Vorgezogener Zwang zur Direktvermarktung kleiner Aufdachanlagen ohne flächendeckende Smart-Meter-Infrastruktur.
- Steigende Erlösrisiken durch Netzabregelungen, die zu unsicheren Einnahmen führen.
- Keine klaren Übergangsfristen für die Direktvermarktung, was Planungssicherheit reduziert.
Zusätzlich könnte das bereits beschlossene Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) den Ausbau von Wärmepumpen verlangsamen und damit das Beschäftigungswachstum im Wärmesektor weiter einschränken.
Unter den neuen Gesetzesplänen (EEG-Novelle 2027, Netzpaket, GModG) steigt die Beschäftigung lediglich auf rund 519.500 Stellen – ein Plus von 83.000 gegenüber 2025, aber deutlich weniger als das Potenzial von 706.100 Stellen im Szenario ohne diese Regelungen.
Risiken und Gegenmaßnahmen
Fachkräftemangel bei voller Zielerreichung
Selbst wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen stabil bleiben, besteht das Risiko eines gravierenden Fachkräftemangels, insbesondere im Handwerk (SHK- und Elektroberufe). Ohne ausreichende Qualifikationen könnten die geplanten 706.000 Beschäftigten nicht realisiert werden.
Brutto- statt Nettobeschäftigung
Die GWS-Studie bilanziert Bruttoarbeitsplätze in den erneuerbaren Sparten. Verluste in konventionellen Energiesektoren (z. B. Kohleausstieg, Rückbau von Gasnetzen) sind in diesen Kennzahlen nicht saldiert.
Kosten für Stromkunden und Bundeshaushalt
Befürworter restriktiverer Regelungen argumentieren mit der Begrenzung von Netzentgelten und Förderkosten im Bundeshaushalt. Die Studie weist jedoch darauf hin, dass die langfristigen Beschäftigungs- und Wertschöpfungsverluste höhere gesellschaftliche Kosten verursachen können.
Empfohlene politische Maßnahmen
- Klare Übergangsfristen für die Pflicht zur Direktvermarktung kleiner PV-Anlagen.
- Kalkulierbare Entschädigungsregeln bei Netzabregelungen.
- Förderprogramme, die den Fachkräftemangel im SHK- und Elektrohandwerk adressieren.
- Stärkung der heimischen Wertschöpfungsketten für Wind- und Solarkomponenten.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum führen die neuen Gesetze laut der GWS-Studie zu weniger Beschäftigten?
Weil sie die Rentabilität und Planbarkeit für Neuanlagen mindern. Werden kleine Solardachanlagen zu früh in die Direktvermarktung gezwungen und tragen Wind- und Solarparks unkalkulierbare Abregelungsrisiken ohne adäquate Entschädigung, brechen die privaten Investitionen von prognostizierten 79 Mrd. Euro pro Jahr auf 52 Mrd. Euro ein.
Welche Berufssparten profitieren am meisten vom EE-Ausbau?
Den größten Zuwachs verzeichnen handwerkliche Fertigungs- und Bauberufe, allen voran Elektrotechniker sowie Sanitär-, Heizungs- und Klimatechniker (SHK), gefolgt von Planungsbüros, industriellen Zulieferern und Wartungsbetrieben.
Wie viele Arbeitsplätze stehen rechnerisch auf dem Spiel?
Die Spanne zwischen dem optimistischen Zielerreichungsszenario (706.100 Stellen) und dem Szenario mit den aktuellen Reformen (519.500 Stellen) beträgt 186.600 Beschäftigte im Jahr 2035.
Fazit
Die GWS- und Bertelsmann-Studie macht deutlich, dass die Beschäftigungsperspektiven der deutschen Energiewende stark von den privaten Investitionen abhängen. Eine Investitionslücke von rund 27 Mrd. Euro pro Jahr kann bis 2035 zu einem Verlust von fast 190 tausend Arbeitsplätzen führen. Während die Branche bereits ein starkes Fundament mit über 430.000 Beschäftigten im Jahr 2025 besitzt, ist das zukünftige Wachstum – insbesondere im Wärmepumpensektor – von stabilen, vorhersehbaren politischen Rahmenbedingungen und ausreichenden Fachkräften abhängig. Klare Übergangsfristen, transparente Netzentgelte und gezielte Qualifizierungsmaßnahmen könnten die Investitionsbereitschaft stärken und das Beschäftigungspotenzial der Energiewende voll ausschöpfen.

