Die Wiener Hauptkläranlage ist bereits heute einer der größten kommunalen Stromverbraucher. Durch die Einführung eines faltbaren Photovoltaik-Dachs über dem Becken „Vorklärung West 2“ soll bis Juni 2027 nicht nur zusätzlicher Solarstrom erzeugt, sondern gleichzeitig wertvolle Beckenfläche erhalten bleiben. Das Konzept ermöglicht den Ausbau von Vor-Ort-Solarenergie ohne zusätzlichen Flächenverbrauch und garantiert zugleich den uneingeschränkten Zugang für Wartungsarbeiten und bei Unwettern.
Hintergrund: Steigender Energiebedarf und europäische Vorgaben
Kläranlagen benötigen zunehmend mehr elektrische Energie. Der Grund liegt in der novellierten EU-Kommunalabwasserrichtlinie (Richtlinie EU 2024/3019), die große Anlagen verpflichtet, schrittweise eine vierte Reinigungsstufe zur Beseitigung von Spurenstoffen wie Arzneimittelrückständen einzuführen. Verfahren wie Ozonisierung oder Aktivkohleverfahren erhöhen den spezifischen Stromverbrauch deutlich. Gleichzeitig fordert die EU bis 2045 eine vollständige energetische Neutralität des Abwassersektors (Ziel 100 %); Zwischenschritte sind 20 % bis 2030, 40 % bis 2035 und 70 % bis 2040.
Die Wiener Kläranlage liegt bereits über dem Eigenversorgungsgrad von 110 % für Strom und 173 % für Wärme (Stand 2025). Trotzdem rechnet ebswien künftig mit einem deutlich steigenden Energiebedarf, weil die neuen Reinigungsstufen zusätzlichen Strom benötigen. Die EU-Ziele verdeutlichen, warum trotz aktuellem Überschuss weitere Photovoltaik-Kapazitäten erforderlich sind.
Das Pilotprojekt „Vorklärung West 2“ – Fakten und Ziele
- Leistung: 262 kWp
- Fläche: 1 750 m²
- Modulanzahl: 504 Stück
- Erwarteter Jahresertrag: rund 260 MWh
- Geplanter Inbetriebnahmetermin: Juni 2027
- Gesamtes Beckenpotenzial in Wien: 46 000 m²
Das Faltdach wird an einer Seilkonstruktion befestigt und lässt sich innerhalb von 30 bis 60 Sekunden vollständig ein- bzw. ausfahren. Eine Wettersteuerung sorgt dafür, dass das Dach bei starkem Wind, Hagel oder Schneefall automatisch eingefahren wird. Die Konstruktion hat eine lichte Höhe von 4,35 m, eine Gesamthöhe von 6,3 m und wiegt rund 57 Tonnen.
Technologische Basis: Faltdach von dhp Technology und internationale Referenzen
Die Seilbahn-basierte Faltdachtechnologie von dhp Technology (Produktlinien Horizon/Helioflex) ist bereits an mehreren europäischen Kläranlagen im Einsatz. Nach ersten Projekten in Neuwied und Schweinfurt folgten Großprojekte:
- ARA Thunersee, Schweiz – 3,6 MWp, 2025, 23 000 m², erwarteter Jahresertrag ca. 3,0 GWh
- Klärwerk Düsseldorf-Süd, Deutschland – 1,37 MWp, 2026, 2 640 Solarmodule auf 8 880 m² Regenüberlaufbecken
Das Wiener Pilotprojekt mit 262 kWp reiht sich damit in eine wachsende Projektlandschaft im D-A-CH-Raum ein und belegt die technische Machbarkeit der Lösung.
Mehrwert durch Beckenüberdachungen – Verfahrenstechnische Vorteile
Über die reine Stromerzeugung hinaus bietet das Faltdach weitere betriebliche Nutzen:
- Teilabschattung reduziert das Algenwachstum im Abwasser.
- Verringerte Verdunstung senkt den Wasserverlust.
- Reduzierte Geruchsemissionen verbessern das Arbeitsumfeld.
- Das 30-sekündige Einfahren gewährleistet vollen Zugriff für Räumerbrücken, Hebezeuge und andere Wartungsarbeiten.
- Automatisches Zusammenfalten bei Hagel, Sturm oder Wartung schützt die Module.
Wirtschaftliche und technische Herausforderungen
Die Einführung von Faltdächern ist nicht ohne Risiken:
- Höhere Investitions- und Betriebskosten: Seilmechaniken, Sensorik und bewegliche Antriebe sind teurer als klassische Freiflächenanlagen.
- Korrosive Umgebung: Faulgase und Schwefelwasserstoff erfordern korrosionsbeständige Materialien für Tragseile und Modulrahmen.
Diese Punkte müssen in Wirtschaftlichkeitsrechnungen und Wartungsstrategien berücksichtigt werden.
FAQ – häufig gestellte Fragen
Warum werden über Klärbecken keine starren Standard-Photovoltaikanlagen gebaut?Feste Überdachungen behindern Kranarbeiten und die Bewegung von Räumerbrücken. Das Faltdach kann innerhalb von rund 30 Sekunden vollständig eingefahren werden, um vollen Zugang für Revisionsarbeiten zu gewährleisten.Warum benötigt die Wiener Kläranlage trotz aktuellem Stromüberschuss mehr Photovoltaik?Durch neue EU-Vorgaben zum Gewässerschutz steht der Bau energieintensiver Reinigungsstufen (z. B. gegen Mikroschadstoffe) bevor, was den Eigenstromverbrauch künftig deutlich anhebt.
Ausblick: Potenzial und Skalierbarkeit in Wien
Die Pilotanlage ist der erste Schritt, um die rund 46 000 m² Beckenfläche der Wiener Hauptkläranlage für Solarstrom zu nutzen. Bei Erfolg könnten weitere Becken mit ähnlichen Faltdächern ausgestattet werden, um den steigenden Energiebedarf zu decken und die EU-Ziele zur Energieneutralität zu unterstützen. Die Kombination aus erneuerbarer Stromerzeugung und betrieblichen Mehrwerten macht das Konzept zu einer zukunftsfähigen Lösung für kommunale Infrastruktur.
Fazit
Das faltbare Photovoltaik-Dach über dem Becken „Vorklärung West 2“ demonstriert, wie kluge Doppelnutzung von vorhandenen Flächen sowohl den Eigenstrombedarf von Kläranlagen decken als auch betriebliche Vorteile wie reduzierte Algenbildung und geringere Verdunstung bieten kann. Durch die Einbindung international erprobter Technologie von dhp Technology wird die technische Machbarkeit belegt, während die EU-Richtlinie den langfristigen Bedarf an zusätzlicher Solarenergie begründet. Trotz höherer Investitions- und Korrosionsrisiken eröffnet das Konzept neue Perspektiven für eine nachhaltige, energieautarke Abwasserbehandlung in Wien und darüber hinaus.

