Der Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland wird zunehmend durch den Mangel an freien Netzanschlusskapazitäten begrenzt. Während die Nachfrage nach neuen Batteriespeichern stark steigt, stehen Verteilnetzbetreiber nur einem Bruchteil der Anfragen sofortige Zusagen gegenüber. Eine Lösung, die den langwierigen Genehmigungsprozess umgeht, ist die Reaktivierung stillgelegter Industrie-Brownfields mit bereits vorhandenen Mittel- und Hochspannungsanschlüssen. Das Voltfang-Projekt am ehemaligen Philips-Gelände im TRIWO-Park Aachen illustriert, wie diese Strategie praktisch umgesetzt wird.
Struktureller Netzanschluss-Engpass in Deutschland als Treiber für Brownfield-Projekte
Bundesweit übersteigt das Volumen an Netzanschlussbegehren für Batteriespeicher die tatsächliche Netzkapazität um ein Vielfaches. Laut einer Monitoring-Abfrage der Bundesnetzagentur wurden im Jahr 2025 insgesamt 18.158 Anfragen für neue Speicheranschlüsse registriert – ein Anstieg von 194 % gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig lag die Zuschlagsquote auf Verteilnetzebene bei lediglich etwa 10 % (1.866 Zusagen bei 17.775 Anfragen), was die massive Hürde bei Neuanschlüssen auf Mittel- und Hochspannungsebene verdeutlicht.
Projektentwickler wie Voltfang und Investor Palladio Partners suchen daher gezielt nach Industriebrachen, die bereits über einen Anschluss an ein Umspannwerk verfügen. Durch die Nutzung dieser bestehenden Infrastruktur können Realisierungszeiten von mehreren Jahren auf wenige Monate verkürzt werden, weil langwierige Netzausbauten und neue Genehmigungsverfahren entfallen.
Das Projekt entwickelt sich damit zu einem exemplarischen Beispiel für die Nutzung freiwerdender Anschlusskapazitäten, die durch den Rückgang energieintensiver Fertigung entstehen. Auf dem ehemaligen Philips-Werk in Aachen wurde bereits ein neuer Anschluss an das bestehende Werks-Umspannwerk freigegeben, wodurch der 10-MW-Speicher unmittelbar an das 10-kV-Netz angebunden werden kann.
Technische Systemkonfiguration des Voltfang-Speichers
Der 10-MW-Großbatteriespeicher mit einer Kapazität von 21 MWh wird aus vier containerisierten Batterieeinheiten der Bauart „Voltfang 3+“ aufgebaut. Ergänzt wird das System durch zwei Mittelspannungs-Skids von WSTECH, die derzeit auf der 10-kV-Ebene angeschlossen sind und bereits für eine zukünftige Aufrüstung auf 20 kV ausgelegt sind. Die Speicherdauer entspricht einem C-Rate-Äquivalent von ca. 2,1 Stunden (10 MW / 21 MWh) und folgt damit dem aktuellen Markttrend zu 2-Stunden-Systemen, die sowohl für kombinierte Flexibilitäts- als auch für Regelleistungsmärkte geeignet sind.
Die eingesetzte Batterietechnologie basiert auf Lithium-Eisenphosphat-Zellen (LFP), die in den standardisierten Containern verbaut werden. Diese Technologie bietet hohe Zyklenstabilität und ist besonders für stationäre Großspeicher attraktiv.
Wirtschaftliche Vermarktungsstrategie – Multi-Use-Modell
Die Erlöse des Aachener Projekts sollen über ein diversifiziertes Geschäftsmodell generiert werden:
- Primärregelleistung (FCR) – Bereitstellung von Regelenergie zur Frequenzstabilisierung des Übertragungsnetzes.
- Sekundärregelleistung (aFRR) – Unterstützung bei kurzfristigen Schwankungen.
- Arbitragehandel an der Strombörse – Automatisierter Kauf von Strom bei niedrigen oder negativen Preisen und Verkauf in Hochpreisphasen (EPEX Spot).
Durch die Kombination dieser Netzdienstleistungen wird das Projekt nicht nur zur Netzstabilität beitragen, sondern auch eine langfristige Wirtschaftlichkeit sicherstellen.
Marktdynamik im deutschen Großbatteriespeicher-Segment
Während das Wachstum privater Photovoltaik-Heimspeicher nachlässt, verzeichnet das Segment der netzgekoppelten Großbatteriespeicher ein dreistelliges Wachstum. Laut der RWTH Aachen (Battery Charts) betrug die operative Großspeicherkapazität (ab 1 MW) im September 2026 7,36 GWh bei einer installierten Leistung von 4,30 GW. Im ersten Quartal 2026 wurde ein Wachstum von rund 120 % gegenüber dem Vorjahr verzeichnet, was den Rekordzuwachs im Vergleich zu früheren Perioden unterstreicht.
Das Aachener 21-MWh-Projekt fügt sich somit in die bundesweite Ausbaudynamik ein und spiegelt den Wandel von dezentralen Heimspeichern hin zu utility-scale Anlagen wider.
Risiken und Gegenmaßnahmen
- Kannibalisierung der Regelleistungsmärkte – Der massive Zubau von 2-Stunden-Großspeichern kann die Erlöse aus Primär- (FCR) und Sekundärregelleistung (aFRR) reduzieren und den Renditedruck auf Stand-Alone-Speicher erhöhen.
- Regulatorische Unsicherheit bei Speichernetzentgelten – Die bisherige 20-jährige Netzentgeltbefreiung nach § 118 Abs. 6 EnWG läuft für Neuanlagen im August 2029 aus. Zukünftige Festlegungen der Bundesnetzagentur können die langfristige Rentabilität maßgeblich beeinflussen.
FAQ zum Voltfang-Speicher in Aachen
- Warum sind alte Industrieareale wie das Philips-Werk für Speicherbauer besonders attraktiv? Sie verfügen über bereits genehmigte, hoch belastbare Anschlüsse an das Mittel- oder Hochspannungsnetz samt Umspannwerk. Dadurch entfallen mehrjährige Wartezeiten auf Netzausbauten und Neugenehmigungen.
- Wie verdient der 10-MW-Speicher von Voltfang in Aachen Geld? Die Anlage kombiniert Netzdienstleistungen (Primär- und Sekundärregelleistung) mit automatisiertem Stromhandel an der EPEX Spot (Kauf bei niedrigen/negativen Preisen, Verkauf in Hochpreisphasen).
- Welche Batterietechnologie kommt bei Großspeichern dieser Art zum Einsatz? Standard sind Lithium-Eisenphosphat-Zellen (LFP), die in schlüsselfertigen Container-Einheiten verbaut werden; Voltfang nutzt die Generation „Voltfang 3+“ mit integrierten Wechselrichter- und Transformatoren-Skids.
Fazit
Das Voltfang-Projekt in Aachen demonstriert, wie die Umnutzung stillgelegter Industrie-Netzanschlüsse eine schnelle und kosteneffiziente Integration von Großbatteriespeichern ermöglicht. Durch die Nutzung vorhandener Umspannwerkskapazitäten wird der langwierige Genehmigungs- und Ausbauprozess umgangen, während das technische Konzept – vier Voltfang 3+-Container, 10 kV-Anschluss und ein Multi-Use-Erlösmodell – sowohl Netzstabilität als auch wirtschaftliche Rentabilität sicherstellt. Angesichts des anhaltenden Engpasses bei Netzanschlüssen und des starken Wachstums im Großspeichermarkt stellt die Brownfield-Strategie einen entscheidenden Hebel für die beschleunigte Energiewende in Deutschland dar.

